Spaziergang

Ab Nürnberg verwischt der Nebel die Welt und bis mein Zug hält, ist sie auf einhundertfünfzig Meter Radius geschrumpft. Vom Bahnhof aus laufe ich, abholen kann mich niemand und auf den Bus warten widerstrebt mir.

Stillstand hatte ich heute schon genug.

Zuerst erstreckt sich meine Welt noch weit, vieles kreuzt meinen Weg, aber langsam wird es immer stiller, die Häuser verschwinden, der Raum, den mir der Nebel lässt, wird enger und ich werde ruhiger.

Einen Kilometer vor dem steilen Anstieg holt mich der vorher geschmähte Bus ein. Es ist kalt und auch, wenn er mich nicht bis nach Hause bringen wird, ist es doch angenehm den Anstieg nicht bewältigen zu müssen. Ich steige also ein. Außer mir gibt es nur einen anderen Fahrgast.

Gut, so bleibt es ruhig.

Oben angekommen, aufgewärmt und immer noch ruhig, mache ich mich daran, die letzten Kilometer nach Hause zurückzulegen. Es stört mich nicht so weit zu laufen, heute nicht.

Nach den ersten Metern verschwindet die Haltestelle und das dazugehörige Dorf, der Nebel ist noch näher an mich herangerückt: Fünfzig Meter in jede Richtung (auch nach oben), größer ist meine Welt nicht mehr. Im Schritttempo kommen mir die Bäume des kleinen Waldes, die nächsten Meter Straße und Radweg entgegen, Geräusche gibt es, ausgenommen Schritte, Atem und Wind, nicht, bis ein Auto die weiße Wand durchstößt und meinen Raum schneidet, schnell und laut, aber nicht von Dauer.

Abgeschnitten von allem füllt sich die Nebelglocke mit meinen Gedanken, angenehm verteilen sie sich über alles, werden weit und groß, besser betrachtbar. Ich laufe und denke, alles andere berührt mich nicht mehr.

An der letzten Biegung tauchen schließlich wieder Häuser auf, es ist nicht mehr weit bis daheim. Ich sammle meine Gedanken ein, der Nebel hebt sich ein wenig, das Klirren der Schlüssel zerstört die Stille und die Haustür öffnet sich.

Dieser Beitrag wurde am 25. Dezember 2011 um 17:28 veröffentlicht. Er wurde unter Erlebtes, Erzählung, Prosa abgelegt und ist mit , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

3 Gedanken zu „Spaziergang

  1. Das ist ein echt schöner Text, besonders die Atmosphäre gefällt mir sehr gut. Ganz toll ist dieser Satz hier:
    »Fünfzig Meter in jede Richtung (auch nach oben), größer ist meine Welt nicht mehr.«

    Mein Lieblingssatz im ganzen Text.

  2. weil wir schon von lieblingssätzen sprechen: „…bis ein Auto die weiße Wand durchstößt und meinen Raum schneidet, schnell und laut, aber nicht von Dauer.“

    eine schöne sprache, klar und ohne alberne schnörkeleien, das mag ich.

  3. Kompliment, sehr stimmungsvoll. Sieht ganz so aus, als würden wir eine Vorliebe für fast leere Busse teilen.

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