Der Aufstand

Ich bin etwas zu spät, als ich in den kleinen Gastraum des Eckcafes komme. Lips sitzt schon am gewohnten Tisch und klopft ungeduldig mit seinem Füllfederhalter auf die Tischplatte. Er fixiert mich mit seinen stahlblauen Augen als ich näher komme, gibt mir kurz die Hand und deutet auf den freien Stuhl: „Bitte, setz dich.“

„Entschuldige, dass du warten musstest, aber mein Prof“

„Ach, schon in Ordnung“, winkt Lips ab.

„Sicher? Dein Blick hätte mich beinah aufgespießt.“

„Ich bin nur etwas unzufrieden, hat nichts mit dir zu tun.“

Erst jetzt fällt mir auf, dass er etwas förmlicher gekleidet ist als sonst. Zum üblichen Jackett und Hemd kommt heute eine Weste und eine Krawatte, die Jeans bleibt aber. Etwas übertrieben für ein Nachmittagstreffen zu Tee und Kuchen.

„Mir war danach.“

Immer noch unzufrieden lässt er den Blick immer wieder über die anderen Cafe-Besucher schweifen. Die Bedienung kommt, wir bestellen und unterhalten uns über kleine Nichtigkeiten. Auch jetzt wandern seine Augen, kaum einmal konzentriert er sich auf mich. Sein ganzes Benehmen – die Kleidung (förmlicher als sonst), der Blick, das unablässige „Klack, Klack“ seines Füllfederhalters auf der Tischplatte – macht mich zunehmend nervös.

„Was ist los?“

Der Tee (er Earl Grey, ich Gunpowder, wie immer) kommt, gefolgt vom Kuchen (beide Sachertorte – der Form wegen [Schlachtschiff]). Wir essen, trinken und unterhalten uns weiterhin über Belangloses und ich habe das Gefühl, dass Lips immer ungeduldiger wird.

„So, es reicht.“

Mitten in meinem Satz schlägt der Füllfederhalter ein letztes Mal – diesmal härter als vorher – auf die Tischplatte und er steht auf. „Was…?“ noch bevor ich fragen kann, beginnt Lips zu reden:

„Wacht endlich auf! Ihr seht doch, was da draußen läuft! Warum macht ihr nichts? Ihr seht doch, wie euch in Athen, Brüssel, Madrid, Berlin und anderswo „Experten“ vorgesetzt werden, die alles richten sollen, aber euch zahlen lassen, nicht die Schuldigen.

Ihr seht doch, wie nur euch gekürzt und entzogen wird. Warum macht ihr nichts? Ihr seht doch, wie sie euch versprechen und versprechen und doch nichts für euch tun. Die „Märkte“ müssten besänftigt werden, wie die Ungeheuer früherer Zeit. Warum habt ihr Angst? Warum glaubt ihr die Märchen?

Ihr macht euch selbst zu Opfern. Ihr habt ANGST vor dem, was passieren könnte, würdet ihr euch wehren. Ihr habt ANGST vor der Veränderung, vor der Möglichkeit….Es könnte ja schlechter sein als vorher. Hier und jetzt wisst ihr wenigstens, was euch erwartet, hier und jetzt ist es bequem. „Die“ werden schon wissen, was das beste für euch ist. „Die“ werden euch schon nicht im Stich lassen.

Wie Lämmer zur Schlachtbank folgt ihr ihnen: stumm vor Angst, unfreiwillig, aber unfähig euch zu wehren. Die Angst lähmt euch. Alles lasst ihr euch nehmen! Freiheit, Gerechtigkeit, Wille, Rechte. Im Namen von Sicherheit und Krisenmanagement geht ihr zurück in die Unmündigkeit. Aus ANGST, selbst verantworten und entscheiden zu müssen. Von Status des Bürgers kriecht ihr zurück zu dem des Untertanen.

Warum?“

Lips setzte sich, rückte seine Mütze zurecht und seufzte.

„Das musste sein. Einmal musste das sein.“

Dieser Beitrag wurde am 16. Januar 2012 um 23:58 veröffentlicht. Er wurde unter Erzählung, Fiktion, Prosa abgelegt und ist mit , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

4 Gedanken zu „Der Aufstand

  1. Schön, schön.
    Obwohl mir aber die beiden Texte davor doch um einiges mehr gefallen.

  2. ich kann nur wiederholen, wie sehr mir der Schreibstil gefällt.
    Gelungener Text, gelungene Aussage.

    (auch wenn da ein paar klitze kleine Buchstabendreher drin sind)😉

  3. blitzmerkerin sagte am :

    Ach Rechtschreibung ist doch sekundär🙂 Das Moitiv ist klar und konsequent umgesetzt und wurde mit einem Like gewürdigt.

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