Narben

Wenn ich so daran denke, wie mein Leben bisher verlaufen ist, fallen mir vor allem drei Entscheidungen ein, die mich zu dem gemacht haben, der ich jetzt bin; die mich hierher gebracht haben.
Die Erste war, das Mädchen an der Bar nicht anzusprechen. Noch heute sehe ich sie ganz klar vor mir. Wie sie mich ansieht, wie sie mich damit auffordert und wie wütend sie ist, als ich mich abwende.
Nie wieder war ich so feige. Es hat mich Mut gelehrt.
Die Zweite traf ich circa zweieinhalb Jahre später. Nach dem Wehrdienst fing ich an Kommunikationstechnik zu studieren. Weil meine Leistungskurse im Gymnasium Mathe und Physik gewesen waren, weil technische Studiengänge „sicher“ waren und die Arbeitssuche danach angeblich nur Formsache sei. Nach zwei Semestern war klar: ich schaffe es nicht. Ich zögerte, entschied mich es noch einmal zu versuchen und wählte Werkstofftechnik. Zwei weitere Semester und auch diese Illusion war zerstört. Anschließend entschied ich mich gegen die Sicherheit, studierte eine Geisteswissenschaft und fuhr gut damit.
Nie wieder war ich so unentschlossen. Es hat mich Entschiedenheit und Kühnheit gelehrt.
Die Dritte war, nach dem Studium zur Bundeswehr zurückzukehren, als einfacher Soldat, verpflichtet auf vier Jahre. Meine Erfahrungen setzte ich hier um. Zweimal hatte ich psychisch die Hölle durchschritten. Ich fühlte mich gestählt und meldete mich freiwillig für Afghanistan. Mich würde der Kampf nicht unterkriegen. Meine Narben waren mein Panzer.
Mut, Entschiedenheit und Kühnheit haben mich fast bis hierher auf diese Straße mitten in Afghanistan gebracht. Den letzen Meter aber, den hat mir eine Kugel aus dem Hinterhalt spendiert, die quer durch meinen Körper pflügte und eine blutige Furche hinterließ.
Vier lange Minuten brauchte das Leben danach noch, bis es mich in der Mitte der staubigen Straße verließ. Vier Minuten, in denen ich jede einzelne Entscheidung verfluchte.

Dieser Beitrag wurde am 28. Februar 2012 um 18:34 veröffentlicht. Er wurde unter Erzählung, Fiktion, Prosa abgelegt und ist mit , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

5 Gedanken zu „Narben

  1. ein Artikel der unter die Haut geht.
    Mich interessiert, was Du daraus machst, aus diesen, aus Deinen Erfahrungen.

  2. sior giorgio sagte am :

    ein guter schreck am ende: ein toter erzählt das.
    ein kleines zucken des altgermanisten (beim vorletzten satz)
    „Verlies“ : da steckt man im Kerker
    „verließ“ : da ist er weg, oder hier es: das leben

    (ich hoffe, du selbst bist nicht in afghanistan?!)

    georg

  3. Ich hatte das „verließ“ im Originaltext noch richtig, aber bei der Abschrift mit der Tastatur hat sich der Fehler eingeschlichen. Jetzt ist es jedenfalls korrigiert.😉
    Was ich aus meinen Erfahrungen mache – wenn es denn meine sind – möchte ich hier gar nicht näher ausführen. Der Text steht als Fiktion da, alles drumherum darfst du dir gerne ausdenken.
    Was man nicht schreibt und inwieweit der Text dem Leben des Autors entspringt, gehört genauso zur Geschichte, wie das, was schwarz auf weiß geschrieben steht.

  4. Ich finde deinen Text sehr gut, was einerseits an deinem Schreibstil und anderseits an dem Inhalt diesen liegt. Ich finde ihn sehr gut geschreiben und auf die Kürze mit einen starken Inhalt versehen.
    Mit gefällt wie du einzelene Erfahrung aukapselst und sie als auslöser für neue Dinge nimmt. Zwar glaube ich nicht, das wirklich allein 3 Entscheidung daran schuld sein können, was dem lyrischen Ich geschah, doch sind sie dabei wahrscheinlich Hauptakteure.

    Mit freundlichen Grüßen
    Echo

  5. Klasse! Hat mir wirklich gut gefallen.

    Überdenken würde ich den ersten Satz des dritten Absatzes: „Die Zweite traf ich circa zweieinhalb Jahre später.“
    Ich dachte zunächst, es sei ein weiteres Mädchen gemeint.

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