Schreibtischfantasien

Er schiebt den Laptop zur Seite und fängt an, seinen Kopf im Sekundentakt auf die Tischplatte knallen zu lassen. Bei jedem Mal klirrt der Teller vom Frühstück zusammen mit der Tasse, dem Löffel und der Untertasse in großer Zustimmung mit.

Das Deo – weil es die Möglichkeit hat und das im Moment für das Beste hält – fasst sich ein Herz und schwingt sich von der Tischkante ins Leere. Grinsend vor Erleichterung fällt es zu Boden. Vor Erstaunen wie gelähmt und der Ohnmacht nahe, fällt die Garnrolle auf den Rücken und sucht, bergab rollend, ihr Heil in der Flucht. Der USB-Stick ganz in der Nähe missversteht die Aktion und vibriert sich ihr in den Weg, um die vermeintliche Verbrecherin zu stellen, was ihm auch gelingt.

Derweil versuchen sich die Taschentücher, todesmutig wie sie sind, zwischen Kopf und Tischplatte zu manövrieren, um den anderen Tischgenossen durch ihre besonderen Knautscheigenschaften Dämpfung zu verschaffen. Fast am Ziel, fegt sie seine Faust wütend beiseite. Schwer zerknäult und kaum noch am Leben, bleiben sie gegen den Papierstapel gelehnt liegen, der alles dafür tut, ihren Schmerz zu lindern. Doch ist dem Locher und dem Hefter die Aktion nicht entgangen. Sie sehen ihre Chance, die Taschentücher ein für alle Mal ordentlich abzuheften und hüpfen in größter Eile in ihre Richtung. Der Papierstapel kann nur tatenlos zusehen.

Zwischenzeitlich hat die Garnrolle versucht, vor dem USB-Stick in die andere Richtung zu fliehen. Quälend langsam schleppt sie sich bergauf, hopst, trippelt und muss sehen, wie sich der MP3-Player vor ihr aufbaut, der dem Stick zu Hilfe kam. Zunehmend verzweifelt sucht die Rolle einen Ausweg.

Mit Stick und Player abgelenkt, sieht die Schere ihre Chance gekommen und hopst – Spitze voran – dem Deo hinterher. Sie hat noch eine Rechnung mit ihm offen. Allerdings sieht das Deo die Schere kommen und kann im letzten Moment ausweichen. Die Schere bohrt sich nur Millimeter neben ihm senkrecht in den Boden.

Unterdessen wehrt sich oben auf der Tischplatte der Füllfederhalter verzweifelt gegen die Sogwirkung zur Tischmitte, zur „Aufprallzone“ hin. Der Clip kratzt über das Holz, aber es hilft nichts: Ein lautes Knirschen und er ist zermalmt. Tinte spritzt nach allen Seiten, vermischt sich mit dem Blut zu einem schwarzroten Strom und fließt in Richtung der Briefe. Bisher von anderen Missgeschicken verschont geblieben, können nicht viel mehr tun, als beides, Tinte und Blut, aufzusaugen und zu verwahren.

Als nun die Erschütterungen weniger werden und mit einem letzten, gewaltigen Wumms enden (der dem Handy, dass sich bisher so tapfer an die Tischkante geklammert hatte, den tödlichen Schubs gibt), säuft auch das Buch noch, was es an rot-schwarzer Flut kann. Nur das Frühstücksgeschirr bleibt unversehrt und freut sich immer noch, wie Frühstücksgeschirr das eben tut.

Dieser Beitrag wurde am 14. Juni 2012 um 11:44 veröffentlicht. Er wurde unter Erzählung, Fiktion, Prosa abgelegt und ist mit , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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