Über den Wahn vom Töten

Es gibt Bilder, die werde ich nicht mehr los. Mit ungefähr sechzehn war ich fasziniert vom Fliegen und vom Krieg und als ich ein Buch über Jagdflieger sah, einen Bildband, musste ich es haben.
Es begann mit dem ersten Weltkrieg, die Flugzeuge wurden vorgestellt, die Männer, die sie flogen und in einem Halbsatz wurde erklärt, dass es damals noch keine Fallschirme gab. Fasziniert blätterte ich auf die nächste Seite, wo mich ein unscharfes Bild erwartete: ein brennendes Flugzeug mit der Nase nach unten gerichtet, Himmel, Wolken und unter dem Flugzeug eine Gestalt, undeutliche Umrisse, zwei Arme, sich hilflos bewegende Beine. Der Text unter dem Bild: „Unbekannter Pilot springt über Verdun aus seinem brennenden Flugzeug, um den Flammen zu entgehen. Er hat keinen Fallschirm.“
Ich starrte lange auf das Bild und mein Kopf war leer, bis auf einen Gedanken: „Hier. stirbt. ein. Mensch.“ und ich war geschockt, getroffen auf einer ganz elementaren Ebene. Das unscharfe Bündel da war ein echter Mensch. War.
Ein paar Jahre später, in einer Dokumentation über den zweiten Weltkrieg wurde, neben den Massenexekutionen, den Gaskammern und all den anderen Schrecken, ein Überfall der Resistente auf einen Wehrmachts-LKW gezeigt. In einer Szene, offensichtlich am Schluss des Überfalls, lag ein Soldat auf dieser Straße in Paris, ohne Deckung oder Fluchtmöglichkeit, wurde beschossen und kroch zu seiner Waffe. Ein Cut, der Soldat liegt reglos am Boden.Wieder dasselbe Gefühl, wieder ist alles, was ich denke, dass hier ein Mensch sterben muss und wieder nur zwei Dinge in meinem Kopf: Trauer und Mitleid.
Natürlich weiß ich, was ihr jetzt denkt. Hier schreibt ein „Deutscher“ über „Deutsche“. Aber das gleiche fühlte ich, als ich das Bild der strahlenden Anne Frank in einer alten Ausgabe ihrer Tagebuchaufzeichnungen sah.
Auf Aufnahmen des 11. September sieht man einen Mann. Er sitzt oberhalb der Einschlagstelle im ersten Turm fest, hängt halb aus dem Fenster. Hinter ihm drängt grau-schwarzer Rauch mit Macht aus dem Innern, immer wieder wird er davon verschluckt. Eine ganze Weile geht das so, dann fällt der Mann…oder springt. Und wieder nur Mitleid, der Versuch mitzufühlen. Wie ist es, wenn man nur noch die Wahl hat, wie man sterben will, nicht ob? Wie ist es, wenn man nichts mehr tun kann?
Ich sehe Sophie Scholl; einen KZ-Häftling; den Mann auf der Straße in Saigon; zwei Reporter irgendwo in Pakistan oder Afghanistan, die flehend die Hände vor sich halten, wie um die Kugeln abzuwehren, eine hilflose Geste; einen Mann auf einem LKW irgendwo in Sarajevo, Neda…
Vielleicht muss ich erklären: Ich bin Atheist. Für mich ist jedes Leben verloren, wenn es endet. Kein Himmel, keine Erlösung, nur Tod.
Leben hat Wert über dem Wert und diese Momentaufnahmen erinnern mich daran und daran:

Niemand sollte so sterben müssen.

„Bis dahin war mir völlig fremd
Wie es ist in dem Moment
Wo man weiß, jetzt endet das Leben
Und es wird keine Gnade geben.“
In Extremo – Auge um Auge

Dieser Beitrag wurde am 17. Dezember 2012 um 12:34 veröffentlicht. Er wurde unter Erzählung, Fiktion, Gefühlte Wahrheit, Prosa abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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